Eine Gefahr bei Rassebeschreibungen ist:
„Contis sind immer so.“
Das stimmt natürlich nicht.
Der Rassestandard gibt einen Rahmen vor – trotzdem sind Continental Bulldogs Individuen. Temperament, Aktivitätsniveau, Sensibilität, Selbstständigkeit und Motivation können sich deutlich unterscheiden.
Der aktuelle FCI-Standard beschreibt das Wesen des Continental Bulldogs knapp als aufmerksam, selbstsicher und freundlich – weder aggressiv noch scheu. Das gibt einen wichtigen Rahmen vor, sagt aber noch lange nicht alles über die Persönlichkeit eines einzelnen Contis aus.
Häufig beschrieben:
Aber möglich sind Unterschiede bei:
Gerade weil innerhalb der Rasse Unterschiede bestehen, ist das Wesen für uns ein ganz wesentliches Kriterium bei der Auswahl unserer Zuchthunde und Deckrüden.
Rassebeschreibungen vermitteln häufig ein recht einheitliches Bild vom Continental Bulldog: freundlich, ausgeglichen, familienbezogen und unkompliziert im Alltag. Viele Contis entsprechen diesem Bild tatsächlich sehr gut – aber eben nicht alle in gleicher Weise.
Wir haben das selbst erlebt. Neben Amy lebte eine Zeit lang eine zweite Continental-Bulldog-Hündin bei uns. Beide waren tolle Hunde derselben Rasse – charakterlich jedoch beinahe Gegensätze.
Amy entspricht sehr stark dem Conti-Typ, den wir persönlich besonders schätzen und den auch viele Menschen suchen, die sich bewusst für diese Rasse entscheiden.
Sie ist gelassen und vorsichtig, wenn ihr etwas unbekannt ist, und muss nicht jede Herausforderung unbedingt ausprobieren. Sie kann natürlich springen – ins Auto, auf die Couch oder über kleinere Hindernisse –, aber ein niedriges Welpengitter oder ein kleiner Zaun reichen bei ihr völlig aus, um eine Grenze zu setzen.
Gleichzeitig hat Amy durchaus ihren eigenen Kopf. Manchmal muss sie erst überlegen, ob das, was wir gerade von ihr möchten, aus ihrer Sicht auch sinnvoll ist. Öffnet man ihr beispielsweise die Terrassentür, kann sie durchaus noch eine Weile davor sitzen und erst einmal entscheiden, ob sie jetzt wirklich hereinkommen möchte.
Man kann das „Bulldog-Sturheit“ nennen. Wir sehen darin meist auch eine durchaus vernünftige Eigenständigkeit. Ist es beispielsweise sehr heiß, fährt Amy ihr Aktivitätsniveau von sich aus herunter und lässt sich nicht unbegrenzt zu weiterer Beschäftigung motivieren.
Ein unkomplizierter Hund ist allerdings kein Hund, der keine Erziehung braucht. Auch ein gelassener Continental Bulldog benötigt von Beginn an klare Regeln, Sozialisation, Orientierung und eine verlässliche Erziehung.
Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – ist sie im Alltag ausgesprochen angenehm. Sie lernt gut, lässt sich gut führen und macht bei sehr unterschiedlichen Aktivitäten gerne mit. Sie muss aber nicht ständig beschäftigt werden und kann genauso zufrieden einfach bei ihrer Familie sein.
Unsere zweite Conti-Hündin Maya zeigte uns die andere Seite der möglichen Bandbreite. Sie war außergewöhnlich mutig, aktiv, flink, geschickt und ausgesprochen neugierig. Hindernisse waren für sie eher Herausforderungen als Grenzen. Ein 1,40 Meter hoher Zaun konnte sie ebenso wenig beeindrucken wie ein Sicherheitsnetz um ein Gartentrampolin. Körbe, Kartons, Badewannenrand oder andere ungewöhnliche Plätze wurden erkundet – und wenn etwas beim ersten Versuch nicht funktionierte, probierte sie es eben noch einmal.
Gleichzeitig lernte Maya enorm schnell. Manche Dinge musste man ihr praktisch nur einmal zeigen. Sie war sehr selbstbewusst, eigenständig und brauchte deutlich mehr Beschäftigung und Führung. Wurde ihr langweilig, fand sie selbst eine Aufgabe – nur entsprach diese nicht immer den Vorstellungen ihrer Familie.
Im Zusammenhang mit ihrer ersten Läufigkeit veränderte sich außerdem ihr Sozialverhalten gegenüber anderen Hündinnen deutlich. Ein dauerhaft entspanntes Zusammenleben mit Amy und Luna war schließlich nicht mehr möglich. Deshalb fanden wir für Maya ein tolles Zuhause, das sehr gut zu ihr und ihrem Wesen passt.
Maya war und ist ein toller Hund. Aber sie war nicht der Hund, den viele Menschen erwarten, wenn sie sich bewusst für einen Continental Bulldog entscheiden.
Das haben wir auch bei der Suche nach ihrem neuen Zuhause gemerkt. Viele Interessenten kannten bereits einen Conti oder lebten selbst mit einem und suchten gerade wieder diesen eher gelassenen, wenig jagdlich motivierten und im Alltag unkomplizierten Begleiter. Ein sehr aktiver, ausgesprochen erfinderischer Hund, der körperlich und geistig deutlich mehr fordert und sich auch von einem hohen Zaun nicht unbedingt beeindrucken lässt, passte dagegen nicht zu jeder Familie.
Genau deshalb halten wir pauschale Aussagen wie „der Conti ist immer ruhig“ oder „ein niedriger Zaun reicht beim Conti“ für problematisch. Die Rasse gibt einen Rahmen – den einzelnen Hund beschreibt sie nicht vollständig.
Für unsere Zucht ist das Wesen deshalb eines der wichtigsten Auswahlkriterien überhaupt.
Gesundheitsuntersuchungen, Abstammung und Rassestandard sind selbstverständlich wichtig. Aber ein Hund besteht für uns nicht nur aus Papieren und Untersuchungsergebnissen. Wir möchten möglichst genau wissen, wie die Elterntiere tatsächlich leben und sich im Alltag verhalten.
Ist ein Hund gelassen und nervenstark? Kann er zur Ruhe kommen? Wie verhält er sich gegenüber Menschen und anderen Hunden? Wie selbstständig und aktiv ist er? Wie reagiert er auf neue Situationen? Genau solche Eigenschaften fließen für uns in die Entscheidung für oder gegen einen Zuchteinsatz ein.
Auch Maya zeigt für uns, warum das wichtig ist. Von den formalen Voraussetzungen her wäre ein Zuchteinsatz vermutlich einfacher gewesen. Aufgrund ihres deutlich veränderten Sozialverhaltens gegenüber Hündinnen hätten wir uns jedoch nicht guten Gewissens für eine Zucht mit ihr entscheiden können.
Unser Ziel sind möglichst freundliche, ausgeglichene und alltagstaugliche Continental Bulldogs: Hunde, die für gemeinsame Aktivitäten zu begeistern sind, ohne permanent Beschäftigung einzufordern – und die ebenso gerne einfach mit ihren Menschen zusammen sind.
Gerade weil Continental Bulldogs charakterlich so unterschiedlich sein können, spielt das Wesen für uns bei der Auswahl unserer Zuchthunde und Deckrüden eine besonders große Rolle. Wir möchten die Elterntiere möglichst persönlich erleben und nicht nur nach Abstammung, Gesundheit und äußeren Merkmalen beurteilen.
Natürlich lässt sich auch mit sorgfältiger Auswahl nicht vorhersagen, wie sich jeder einzelne Welpe entwickeln wird. Rasse, Elterntiere und Aufzucht geben wichtige Voraussetzungen mit – jeder Hund bleibt dennoch ein Individuum.
